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Welche Versicherungen brauche ich in der Schweiz?

Obligatorisch, empfehlenswert, komplett verzichtbar: So findest du in 10 Minuten heraus, welche Versicherungen für dich wirklich Sinn machen — und wo du locker CHF 1000 bis 1500 pro Jahr sparen kannst.

Fabrizio Marra · · 10 Min. Lesezeit
Beitragsbild: Welche Versicherungen brauche ich in der Schweiz?

Du ziehst in eine neue Wohnung und kurz darauf klingelt ein freundlicher Versicherungsvertreter. Er hat eine Mappe dabei, so dick wie ein Telefonbuch, und zwei Stunden später hast du fünf Policen unterschrieben — Hausrat, Haftpflicht, Rechtschutz, Krankentaggeld, Wertgegenstände. CHF 87 pro Monat. Du weisst nicht genau, ob du das alles brauchst, aber «auf der sicheren Seite» sein wolltest du schon.

Beim ersten richtigen Vergleich ein paar Jahre später zeigt sich: Für praktisch denselben Schutz zahlt man CHF 38 pro Monat. Fast CHF 600 weniger pro Jahr. Und die Krankentaggeldversicherung? Die hatte der Arbeitgeber längst abgeschlossen — doppelt versichert, ohne es zu wissen.

Das ist kein Einzelfall. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer sind entweder deutlich überversichert oder haben echte Lücken an den falschen Stellen. Hier ist, was du wirklich brauchst.

Das Grundprinzip: Versicher das, was dich ruinieren würde

Bevor wir zu den einzelnen Policen kommen, ein Gedanke, der alles einfacher macht: Eine Versicherung lohnt sich dann, wenn ein Schadenfall deine finanzielle Existenz bedrohen würde. Ein kaputtes Smartphone ist unangenehm, aber es ruiniert dich nicht. Ein Autounfall mit schwer verletzten Menschen kann dich ohne Haftpflichtversicherung für den Rest deines Lebens in die Schuldenfalle bringen.

Das ist der Filter. Nicht: «Was könnte alles passieren?» Sondern: «Was kann ich nicht selbst tragen?»

Was du unbedingt brauchst: Die 3 Muss-Versicherungen

1. Krankenkasse (Grundversicherung)

Die Krankenversicherung ist in der Schweiz für alle Einwohnerinnen und Einwohner obligatorisch. Kein Wenn und Aber. Ab Einzug hast du 3 Monate Zeit, eine Grundversicherung abzuschliessen — danach wirst du von der Behörde einem Anbieter zugeteilt, oft zu einem der teuersten Tarife.

Die mittlere Monatsprämie 2026 beträgt CHF 393.30 — das sind fast CHF 4'720 pro Jahr. Ein grosser Posten, bei dem sich Optimierung wirklich lohnt. Dazu gleich mehr.

Was die Grundversicherung deckt, ist für alle Anbieter gesetzlich identisch: Arztbesuche, Spitalaufenthalte (allgemeine Abteilung), Medikamente, Notfall, Schwangerschaft und Geburt. Den Anbieter kannst du also rein nach Preis auswählen — du bekommst überall dasselbe.

2. KFZ-Haftpflichtversicherung (wenn du ein Auto hast)

Wer in der Schweiz ein Fahrzeug hält, muss eine Motorfahrzeug-Haftpflichtversicherung abschliessen. Ohne die gibt es kein Kontrollschild. Auch das ist nicht verhandelbar.

Die Mindestdeckungssumme ist gesetzlich festgelegt. Für die meisten reicht die Haftpflicht. Die Vollkaskoversicherung ist optional — sie lohnt sich hauptsächlich für neuere Fahrzeuge (Faustregel: wenn der Fahrzeugwert über CHF 15'000 liegt).

3. Privathaftpflichtversicherung

Technisch gesehen ist die Privathaftpflicht in der Schweiz freiwillig. Praktisch gesehen ist sie unverzichtbar — und mit Abstand die günstigste Versicherung mit dem grössten Nutzen.

Was sie deckt: Schäden, die du anderen Personen oder deren Eigentum zufügst. Du übersiehst beim Velofahren jemanden und verletzt ihn schwer? Privathaftpflicht. Du lässt beim Besuch ein teures Gemälde fallen? Privathaftpflicht. Du vergisst den Hahn aufzudrehen und überschwemmst die Wohnung darunter? Privathaftpflicht.

Gute Policen bieten CHF 3 bis 5 Millionen Deckungssumme und kosten CHF 50 bis 100 pro Jahr. Das ist buchstäblich weniger als ein Kinoabend pro Monat für Schutz gegen potenziell lebensverändernde Haftungsansprüche.

Wenn du nur eine Versicherung ausser der Krankenkasse abschliessen kannst, dann diese.

Was du fast immer brauchst: Die 2 Kann-Versicherungen

4. Hausratversicherung

Die Hausratversicherung schützt dein bewegliches Eigentum in der Wohnung: Möbel, Elektronik, Kleider, Velo, alles. Gegen Feuer, Wasserschäden, Einbruchdiebstahl und in manchen Tarifen auch Naturgefahren.

In den meisten Kantonen ist sie freiwillig — Ausnahmen sind Nidwalden, Waadt, Freiburg und Jura, wo sie obligatorisch ist. Der jährliche Beitrag liegt je nach Wohnungsgrösse und Kanton zwischen CHF 100 und 250.

Ein Tipp: Hausrat und Privathaftpflicht werden von den meisten Anbietern als Bundle verkauft — oft günstiger als wenn du beides separat abschliesst. Zusammen kommt man häufig auf CHF 150 bis 180 pro Jahr.

Überlege dir kurz: Was würde es dich kosten, alles in deiner Wohnung neu zu kaufen? Für die meisten ist das locker CHF 20'000 bis 50'000. Eine Hausratversicherung macht das zu einem kalkulierbaren Risiko.

5. Reiseversicherung (situativ)

Hier kommt es drauf an. Bevor du eine Reiseversicherung kaufst, prüfe zuerst, was deine Kreditkarte bereits abdeckt. Viele Visa- und Mastercard-Produkte der Schweizer Banken inkludieren automatisch Reiseunfall, Annullierungskosten und Gepäckversicherung — allerdings oft nur wenn du die Reise mit der Karte bezahlt hast.

Falls du viel reist und keine Kreditkartenleistungen hast, kann eine Jahres-Reiseversicherung (ca. CHF 80 bis 150) Sinn machen. Für Gelegenheitsreisende reicht oft der Kreditkartenschutz oder eine einmalige Reisepolice.

Was je nach Situation sinnvoll ist

Erwerbsausfallversicherung / Krankentaggeld

Das ist der Bereich, wo die meisten Angestellten blinde Flecken haben. Die staatliche Invalidenversicherung (IV) zahlt bei länger andauernder Arbeitsunfähigkeit — aber oft deutlich weniger als dein aktuelles Einkommen. Die Pensionskasse springt auch ein, aber erst nach einer Wartefrist.

Für Angestellte: Viele Arbeitgeber haben bereits eine Krankentaggeldversicherung abgeschlossen, die 80 % des Lohns bis zu 730 Tage lang zahlt. Lohnt sich, das bei der HR-Abteilung zu prüfen, bevor man selbst eine abschliesst — sonst ist man doppelt versichert und zahlt doppelt.

Für Selbstständige: Das ist ein echtes Risikothema. Ohne Taggeldversicherung kann schon ein gebrochenes Bein zum finanziellen Problem werden. Hier empfiehlt sich eine individuelle Beratung, da Prämien stark von Alter, Beruf und gewünschter Deckungssumme abhängen.

Lebensversicherung / Todesfallversicherung

Braucht man eine Lebensversicherung? Die ehrliche Antwort: In den meisten Fällen nein — ausser in zwei Situationen.

Erstens, wenn du Kinder hast oder erwartest. Ein Elternteil, das wegfällt, hinterlässt eine echte finanzielle Lücke. Hier macht eine Risikolebensversicherung (nur Todesfallschutz, keine Sparkomponente) absolut Sinn.

Zweitens, wenn du eine Hypothek auf einer Liegenschaft hast und der Ausfall deines Einkommens den Partner oder die Partnerin in Schwierigkeiten bringen würde.

Was du nicht willst: gemischte Lebensversicherungen, die Spar- und Versicherungskomponente kombinieren. Die Rendite ist miserabel, die Gebühren versteckt und du kommst kaum raus ohne Verlust. Wenn du langfristig sparen willst, nimm lieber einen ETF-Sparplan.

Rechtschutzversicherung

Eine Rechtschutzversicherung übernimmt Anwalts- und Gerichtskosten, wenn du in einen Rechtsstreit gerätst. Das kostet je nach Deckungsumfang CHF 200 bis 350 pro Jahr.

Sie lohnt sich besonders, wenn du Mieter bist — Mietstreitigkeiten sind häufig und teuer. Oder wenn du selbstständig bist und regelmässig Verträge abschliesst. Für einen typischen Angestellten ohne spezifische Risikolage ist sie nice-to-have, aber nicht zwingend.

Was du getrost weglassen kannst

Die Versicherungsbranche ist kreativ, wenn es darum geht, neue Produkte zu erfinden. Das hier sind die häufigsten Mogelpackungen:

Handyversicherung / Elektronikversicherung: Meistens teuer, voller Ausschlüsse und deckt oft genau den Schaden nicht, der wahrscheinlich ist (Bildschirmbruch, Wasser). Wenn du ein teures Gerät hast, prüfe, ob deine Hausratversicherung es nicht bereits deckt.

Zahnzusatzversicherung: Lohnt sich nur wenn du sicher hohe Kosten haben wirst — aber dann ist es oft schon zu spät, weil vorbestehende Behandlungen ausgeschlossen sind. Für die meisten ist ein Zahnspar-Konto (CHF 100/Monat beiseitelegen) sinnvoller.

Gepäckversicherung: Wird oft an Flughäfen verkauft, ist aber meistens schon in Hausrat oder Kreditkarte inklusive.

Garantieverlängerungen im Elektronikhandel: Schlechte Leistungs-Preis-Ratio, viele Ausschlüsse.

Krankenzusatzversicherung Halbprivat/Privat: Du liegst im gleichen Spital, wirst vom gleichen Arzt behandelt — nur im Einzelzimmer statt im Zweibettzimmer. Das kostet je nach Alter CHF 200 bis 800 pro Monat extra. Das Preis-Leistungs-Verhältnis ist für die meisten Menschen schlecht.

So sparst du bei der Krankenkasse bis zu CHF 1540 pro Jahr

Das ist der einzige Punkt, der sich für die allermeisten richtig lohnt. Bei der Krankenkasse gibt es zwei grosse Stellschrauben:

1. Die richtige Franchise wählen

Die Franchise ist der Betrag, den du pro Jahr selbst zahlst, bevor die Krankenkasse übernimmt. Du kannst sie zwischen CHF 300 (tiefste) und CHF 2500 (höchste) wählen. Bei der Höchstfranchise von CHF 2500 sparst du bis zu CHF 1540 pro Jahr an Prämien — verglichen mit der Mindestfranchise.

Franchise Prämienrabatt Sinnvoll wenn...
CHF 300 (tiefste)kein Rabattdu viele Arztbesuche hast
CHF 500leicht günstigerdu gelegentlich zum Arzt gehst
CHF 1000spürbar günstigerdu gesund und selten beim Arzt bist
CHF 1500deutlich günstigerdu kaum Kosten erwartest
CHF 2000sehr günstigdu selten Leistungen beziehst
CHF 2500 (höchste)maximal günstigerdu fast keine Arztkosten hast

Faustregel: Wenn deine jährlichen Gesundheitskosten voraussichtlich unter CHF 2000 liegen, lohnt sich die höchste Franchise fast immer. Den genauen Break-even kannst du mit dem kostenlosen Franchisenrechner auf priminfo.admin.ch berechnen.

Wichtig: Zusätzlich zur Franchise zahlst du noch 10 % Selbstbehalt auf die Kosten über der Franchise — maximal CHF 700 pro Jahr. Dein maximales Risiko mit der höchsten Franchise beträgt also CHF 2500 + CHF 700 = CHF 3200.

2. Das günstigere Versicherungsmodell wählen

Hausarztmodell: Du hast einen fixen Hausarzt, den du zuerst kontaktierst. Rabatt: 10 bis 15 %.

HMO-Modell: Du gehst zu einem Gruppenpraxiszentrum. Rabatt: 15 bis 25 %.

Telmed-Modell: Vor jedem Arztbesuch rufst du eine medizinische Hotline an. Rabatt: 10 bis 15 %.

3. Den Anbieter vergleichen

Da die Grundversicherung gesetzlich identisch ist, kannst du den Anbieter jedes Jahr wechseln. Deadline: 30. November für den Wechsel per 1. Januar. Nutze priminfo.admin.ch oder Comparis.

Praxistipp: So funktioniert es in der Praxis

Wer das Hausarztmodell mit der höchsten Franchise (CHF 2500) kombiniert und den Anbieter regelmässig auf Vergleichsportalen prüft, kommt auf die grössten Einsparungen. Der Aufwand ist einmalig gering — das Ergebnis wiederholt sich jedes Jahr auf der Prämienrechnung.

Ein bewährter Trick: Die eingesparte Prämie monatlich auf ein separates Sparkonto buchen — zum Beispiel «KK-Reserve». So ist das Geld griffbereit, falls tatsächlich CHF 3200 an Eigenanteil anfallen. In den meisten Jahren braucht man diesen Puffer kaum. Netto spart man so rund CHF 1200 bis 1500 pro Jahr gegenüber dem Standardmodell mit tiefster Franchise.

Dein nächster Schritt

Nimm dir 30 Minuten und mach einen schnellen Versicherungs-Check:

Erstens: Hast du eine Privathaftpflicht? Falls nicht, schliesse noch heute eine ab — sie kostet weniger als CHF 10 im Monat und schützt dich vor potenziell existenziellen Haftungsansprüchen.

Zweitens: Geh auf priminfo.admin.ch und prüfe, ob deine aktuelle Franchise und dein Versicherungsmodell noch stimmen. Das Sparpotenzial ist bei vielen Leuten über CHF 1000 pro Jahr.

Drittens: Falls du Angestellte/r bist, frag deine HR-Abteilung, welche Versicherungen dein Arbeitgeber bereits für dich abgeschlossen hat — bevor du etwas doppelt kaufst.

Mehr braucht es nicht. Versicherungen müssen nicht kompliziert sein — du musst nur die richtigen von den falschen unterscheiden können.