← Alle Beiträge Strategie

Asset Allocation: Wie du dein ETF-Depot richtig aufbaust

Asset Allocation entscheidet über 90% deiner Rendite. Wie viel Aktien, Obligationen und Cash? Konkrete Modelle und Starter-Portfolios für Schweizerinnen und Schweizer.

· 9 Min. Lesezeit
Beitragsbild Asset Allocation: Wie du dein ETF-Depot richtig aufbaust

Du hast ein Depot eröffnet. Vielleicht hast du sogar schon CHF 5'000 oder CHF 10'000 überwiesen. Und jetzt sitzt du vor dem Bildschirm und fragst dich: Was kaufe ich jetzt eigentlich? Wie viel davon? Und in welcher Reihenfolge?

Diese Frage ist nicht trivial – sie ist die wichtigste Entscheidung, die du als Anleger triffst. Nicht welchen ETF du kaufst, nicht bei welchem Broker du bist. Sondern wie du dein Geld auf verschiedene Anlageklassen verteilst. Das nennt sich Asset Allocation – und Studien zeigen, dass dieser Entscheid mehr als 90% deiner langfristigen Rendite erklärt.

In diesem Beitrag erfährst du, wie du eine Asset Allocation aufbaust, die zu deiner Lebenssituation passt – konkret, mit Zahlen, für Schweizer Verhältnisse.


Was ist Asset Allocation – und warum ist sie so wichtig?

Asset Allocation bedeutet: Wie viel Prozent deines Anlagevermögens steckst du in Aktien, wie viel in Obligationen, wie viel bleibt als Cash, und gibt es sonst noch etwas?

Die wichtige Erkenntnis aus der Finanzforschung, bekannt seit dem berühmten Paper von Brinson, Hood und Beebower (1986): Mehr als 90% der Schwankungen in der Portfolio-Rendite lassen sich durch die Asset Allocation erklären – nicht durch die Auswahl einzelner Titel oder den richtigen Ein- und Ausstiegszeitpunkt.

Mit anderen Worten: Ob du einen MSCI-World-ETF von iShares oder von Vanguard kaufst, macht langfristig kaum einen Unterschied. Ob du 100% in Aktien oder 60% in Aktien und 40% in Obligationen investierst – das macht einen sehr grossen Unterschied.

Dabei geht es nicht darum, die höchste Rendite zu maximieren. Sondern darum, die für dich passende Kombination aus Rendite und Risiko zu finden. Wer nachts schlecht schläft, weil sein Depot 30% im Minus ist, wird zum ungünstigsten Zeitpunkt verkaufen – und damit Rendite vernichten.


Die wichtigsten Anlageklassen für Schweizer Anleger

Bevor du eine Aufteilung wählst, musst du wissen, was zur Auswahl steht:

Aktien (Equities): Der Motor der langfristigen Rendite. Globale Aktien-ETFs (MSCI World, FTSE All-World) liefern historisch 7–9% Jahresrendite vor Inflation – aber mit teils heftigen Schwankungen. Ein globaler Aktien-ETF ist für die meisten Schweizer Anleger das Herzstück des Depots.

Obligationen (Bonds): Anleihen von Staaten oder Unternehmen. Tiefere Rendite als Aktien, aber auch tiefere Schwankungen. Sie dienen als Puffer wenn Aktienmärkte einbrechen. In einem Zinsumfeld wie heute (Stand 2026: Zinsen deutlich höher als 2015–2021) werfen CHF-Obligationen wieder mehr ab.

Cash und Liquidität: Tagesgeld, Sparkonto. Kein Rendite-Motor, aber wichtig als Notgroschen (3–6 Monatslöhne ausserhalb des Depots) und für kurzfristige Pläne (Autokauf in 2 Jahren, etc.).

Immobilien (REIT-ETFs): Börsengehandelte Immobilienfonds. Können als Beimischung Sinn machen, sind aber schon im MSCI World zu einem gewissen Anteil enthalten. Wer explizit Immobilien will, kann einen globalen REIT-ETF beimischen.

Gold: Gilt als Inflationsschutz und Krisenversicherung. Hat langfristig real wenig Rendite gebracht, dämpft aber Depot-Schwankungen. 5–10% sind für vorsichtige Anleger vertretbar.

Krypto: Bitcoin und Co. können als sehr kleine Beimischung (1–5%) das Rendite-Potenzial erhöhen – mit entsprechend hohem Risiko. Krypto ist keine Kernposition, sondern ein spekulativer Satellit. Mehr dazu in einem separaten Beitrag.


Wie viel Risiko passt zu dir?

Die entscheidende Frage bei der Asset Allocation ist nicht „Was bringt am meisten Rendite?" – sondern „Was kann ich emotional und finanziell verkraften?"

Drei Faktoren bestimmen dein Risikoprofil:

1. Anlagehorizont: Wann brauchst du das Geld? Für Kapital, das du erst in 20–30 Jahren brauchst (Ruhestand), kannst du mehr Schwankungen eingehen als für Geld, das du in 5 Jahren für eine Liegenschaft nutzen willst. Faustregel: Je länger der Horizont, desto mehr Aktien.

2. Finanzielle Situation: Hast du genug Liquidität ausserhalb des Depots? Bist du verschuldet (Hypothek)? Festes Einkommen? Wer auf seinen Notgroschen angewiesen sein könnte, sollte konservativer anlegen.

3. Psychologische Verlusttoleranz: Stell dir vor, dein Depot fällt innerhalb von 3 Monaten um 40% – wie reagierst du? Kaufst du nach? Schläfst du schlecht? Oder verkaufst du alles? Sei hier ehrlich mit dir. Die meisten Anleger überschätzen ihre Risikotoleranz, bis sie zum ersten Mal einen grossen Einbruch erleben.

Ein praktischer Test: Schau dir den Corona-Crash von 2020 oder den Zinsschock 2022 an. Wer ein 100% Aktien-Depot hatte, sah im März 2020 innerhalb von 4 Wochen -34%. Wer 60/40 hatte, sah -22%. Kannst du damit leben – und bleibst du investiert?


Klassische Portfolio-Modelle

Es gibt keine universell richtige Asset Allocation. Aber es gibt bewährte Modelle, die als Ausgangspunkt dienen:

Modell Aktien Obligationen Für wen?
100% Aktien 100% 0% Horizont 15+ Jahre, hohe Verlusttoleranz
80/20 80% 20% Horizont 10–15 Jahre, mittlere Toleranz
60/40 60% 40% Horizont 7–12 Jahre, eher konservativ
All Weather 30% 55% Sehr defensiv, Kapitalerhalt im Fokus

Die alte Faustregel „100 minus Alter = Aktienanteil" ist überholt (ergibt für einen 40-Jährigen 60% Aktien – was für einen gesunden Langfristanleger oft zu wenig ist), aber sie liefert einen groben Anhaltspunkt.

Für die meisten Schweizer unter 50 mit einem Anlagehorizont von mehr als 10 Jahren ist ein Aktienanteil von 70–100% durchaus vertretbar. Das 60/40-Portfolio hat bei Zinsanpassungen (wie 2022) zudem gezeigt, dass Obligationen nicht immer den erwarteten Puffer liefern.


Drei einfache Starter-Portfolios für Schweizer

Hier drei konkrete Beispiele – kein Muss, aber als Orientierung:

Portfolio 1: Der Einsteiger (1 ETF, maximale Einfachheit)

  • 100% globaler Aktien-ETF (z. B. FTSE All-World von Vanguard, ISIN IE00B3RBWM25)
  • Passt für: Einsteiger, langer Horizont, will nichts rebalancen
  • Nachteil: Volle Schwankungsbreite, kein Puffer

Portfolio 2: Der Ausgewogene (2 ETFs, gut zu halten)

  • 80% globaler Aktien-ETF (MSCI World oder FTSE All-World)
  • 20% CHF-Obligationen-ETF (z. B. iShares SBI Domestic Government 7–15y, ISIN CH0016999846)
  • Passt für: Wer schon etwas Puffer will, bereit ist einmal jährlich zu rebalancen

Portfolio 3: Der Diversifizierte (3 ETFs, etwas mehr Kontrolle)

  • 70% MSCI World oder FTSE All-World
  • 20% Emerging-Markets-ETF (z. B. iShares MSCI EM, ISIN IE00B4L5YC18)
  • 10% CHF-Obligationen oder Gold-ETC
  • Passt für: Wer Schwellenländer explizit gewichten will (im FTSE All-World sind sie bereits enthalten)

Wichtig für Schweizer: Investierst du in USD- oder EUR-denominierte ETFs, trägst du Währungsrisiko. Auf lange Sicht ist das kein Problem (der CHF-Franken-Effekt auf Langfristrenditen ist bescheiden), aber du solltest es wissen. Hedged-Varianten (CHF-gesichert) kosten meistens 0.2–0.4% Aufpreis pro Jahr – für langfristige Anleger meist nicht lohnenswert.


Was du beim Aufbau noch beachten solltest

Säule 3a als Teil der Asset Allocation: Dein 3a-Konto (bei VIAC, finpension oder anderen Anbietern) ist Teil deines Gesamtvermögens. Wenn du dort schon 80% Aktien hast, kannst du im freien Depot konservativer sein – oder umgekehrt. Betrachte dein Gesamtvermögen ganzheitlich.

Kein Depots-Flickenteppich: Viele Einsteiger kaufen 15 verschiedene ETFs in der Hoffnung, besser diversifiziert zu sein. Das Gegenteil ist der Fall: Ein einziger globaler ETF enthält bereits 1'600–3'500 Unternehmen aus Dutzenden Ländern. Mehr ETFs bedeuten mehr Komplexität beim Rebalancing, mehr Transaktionskosten und meistens keine bessere Diversifikation.

Rebalancing nicht vergessen: Wenn Aktien gut laufen, steigt ihr Anteil automatisch. Nach einem starken Börsenjahr hat aus einem 80/20-Portfolio schnell ein 90/10-Portfolio werden. Einmal jährlich rebalancen reicht – einfach beim nächsten Sparplan-Kauf die untergewichtete Klasse nachkaufen.

Kosten im Blick behalten: Bei Schweizer Brokern wie Saxo oder Swissquote fällt Schweizer Stempelsteuer (0.075% für CH-ETFs, 0.15% für ausländische ETFs) an. Bei Apps wie findependent ist die Asset Allocation bereits vorgegeben (je nach gewähltem Risiko-Profil) – das vereinfacht den Einstieg erheblich.


Praxistipp: Fang einfach an – und pass mit der Zeit an

Die häufigste Falle beim Aufbau einer Asset Allocation ist Analyse-Lähmung. Man liest alles über 60/40 vs. 80/20, über MSCI World vs. FTSE All-World, über thesaurierend vs. ausschüttend – und kauft am Ende gar nichts.

Mein Rat aus eigener Erfahrung: Fang mit einem einzigen globalen Aktien-ETF an, wenn dein Horizont lang genug ist. Du kannst später verfeinern. Ein einfaches Portfolio, das du durchhältst, schlägt jedes komplexe Portfolio, das du beim ersten grossen Einbruch aufgibst. Wenn du dir bei der Aufteilung unsicher bist, hilft eine App wie findependent: Du gibst dein Risikoprofil an, und die App investiert automatisch in eine passende Mischung – ohne dass du selbst entscheiden musst.


Fazit: Asset Allocation ist keine einmalige Entscheidung

Deine Asset Allocation ist kein Naturgesetz, das du einmal festlegst und nie mehr anfasst. Sie sollte sich mit deiner Lebenssituation weiterentwickeln: Wenn du Mitte 50 bist und in 10 Jahren in Rente gehst, macht ein höherer Obligationen- und Cash-Anteil Sinn. Mit 30 und 30 Jahren vor dir kannst du voll auf Aktien setzen.

Was bleibt: Entscheide dich bewusst. Nicht weil jemand im Internet sagt „100% Aktien ist das Einzige, was Sinn macht" – sondern weil du weisst, was du psychologisch und finanziell tragen kannst.

Dein nächster Schritt: Berechne, welchen Aktienanteil du basierend auf Horizont, Liquidität und Verlusttoleranz vertreten kannst. Wähle dann ein einfaches Portfolio aus 1–3 ETFs – und beginne zu investieren. Die beste Asset Allocation ist die, die du auch in schlechten Zeiten durchhältst.


Dieser Artikel dient der allgemeinen Finanzbildung und ist keine Anlageberatung im Sinne des FIDLEG. Entscheidungen zu deinem Portfolio triffst du in eigener Verantwortung – bei Bedarf zieh eine qualifizierte Fachperson bei. Einige Links sind Empfehlungslinks: Nutzt du sie, kann das für dich und mich einen Vorteil bringen (z. B. Gebührenrabatt). Das kostet dich nichts und beeinflusst die Inhalte nicht. Mehr unter Profitieren.